Unheilvolle Stille lag wie ein böses Omen über den Dächern der Stadt.
Die Bewohner hatten sich in ihre Häuser verbarrikadiert und wagten sich nicht hinaus in die dunkle Nacht.
Es war eine merkwürdige Finsternis.
Wolken verdeckten die Sterne, ließen kein Funkeln mehr durch. Das Mandamahl, andere würden Mond sagen, glich einer roten, fauligen Frucht.
„Die Nacht des Unheils!“, flüsterten Stimmen angstvoll.
Lautlos und von Niemanden bemerkt, huschte ein grauer Schatten durch die leeren Gassen. Oftmals hielt er inne, witterte, doch es lagen nur die Gerüche des Tages in der warmen Luft.
Safran, Ingwer, der stumme Duft der Hektik, alles wie auf dem Markt.
Doch die Menschen brachen blitzartig ihre Stände ab, kaum das die Sonne den Boden am Horizont küsste und die Dämmerung voran schritt.
Ein kaum hörbares Lachen durchbrach die Stille.
„Sollen sie ruhig vorsichtig sein, einen Dummen wird es immer geben!“
Die Stimme klang heißer, voller Vorfreude, während der Schatten durch eine enge Häuserschlucht schlich.
Plötzlich ging ein Ruck durch den schlanken, grazilen Körper. Mit tiefen Atemzügen fand er, was er gesucht hatte. Seine Nase nahm den süßen Geruch eines Menschen wahr.

Emmet fluchte zum vierten Mal. Wie hatte er nur so dumm sein können!
Die Wette mit seinen Kumpanen einzugehen, dass er vor nichts Angst habe.
„Dann beweise es Emmet. Geh hinaus zum Brunnen und bringe den Eimer als Zeichen mit!“
Er war großmäulig drauf eingegangen. Wieder hallte sein Fluch durch die Nacht.
„Wie konnte ich nur so...“
Ohne ein weiteres Wort über seine Lippen zu bringen, hielt er inne. Langsam drehte er sich um die eigene Achse, blinzelte in jede Richtung... Schritte! Da waren Schritte gewesen!

Das Ziel war nah! Jetzt zum letzten Schritt!

Entsetzt starrte Emmet auf die vor ihn aufragende Gestalt.
In nachtschwarze Gewänder gehüllt, nur die funkelnden Augen stachen hervor.
Emmet wich zurück. Das Funkeln kannte er!
Genauso hatte der Wolf das Lamm angesehen, ehe er sich auf seine Beute gestürzt hatte.
Aber das vor ihm war kein Wolf, sondern ein menschliches Wesen!

„Ja sieh mich an!“
Erneut diese heisere Stimme.
Mit einer schnellen und doch eleganten Handbewegung flog das um den Kopf geschlungene Tuch zu Boden. Emmet sah dem Flattern nach. Ein Fehler!
Plötzlich gruben sich zwei klauenartige Hände in sein Haar, rissen seinen Kopf weit in den Nacken. Es blieb bei dem Versuch zu schreien.
Ein Schmerz, dann überfiel Emmet eine seltsame, süße Benommenheit.

Als der Schatten in den Gassen verschwand, blieb ein Körper auf der staubigen Strasse liegen.
Tot – mit zwei kleinen Wunden am Hals.